Die Krugbäcker auf der Landshube

Neben den forst- und jagdlichen Belangen und der Bearbeitung der Ländereien, spielt das Thema Keramik eine wichtige Rolle für einige Bewohner der Landshube. Nur wenige Menschen denken bei dem Begriff „Forsthaus Landshube“ an einen über 1000 Jahre alten Gutshof. Noch seltener verbinden sie die Landshube mit einem führenden Zentrum der Krugbäckerei in unserer Region. Gemeint ist die professionelle Herstellung und Lieferung von Wasserkrügen im Auftrag der Mineralwasser-Brunnen z.B. in Niederselters, über einen Zeitraum von mindestens 300 Jahren. Daraus entwickelt sich besonders für die auf der Landshube alt eingesessene Familie Klauer (bitte klicken) eine sehr wichtige, zusätzliche Einnahmequelle.

Die Wasserkrüge, weisen ursprünglich eine eher bauchige Form auf. Hier ein Mineralwasserkrug aus kurtrierischer Zeit mit dem Stempel „HS“ für Hillscheid. Erst später erhalten die Krüge aufgrund einer weiterentwickelten Töpfertechnik ihre schlanke, röhrenartige Gestalt.

Die Tonkrüge werden mit Mineralwasser befüllt, wegen der enthaltenen Kohlensäure auch „Sauerwasser“ genannt. Der Begriff „Bitterwasser“ bezieht sich auf Heilwasser ohne Kohlensäure und wird meist in eckigen Krügen transportiert. Im 17. und auch zu Beginn des 18. Jhd. wird das Wasser fast ausschließlich als Heilmittel getrunken. Zu dieser Zeit kaufen nicht die Brunnen selbst, sondern Mineralwasserhändler die Krüge beim Krugbäcker. Diese befüllen die Krüge mit dem Bitter- oder Heilwasser, das sie oft in Holzfässern vom Brunnenbetreiber erhalten. (Brinkmann, Bernd, Mineralwasserflaschen des 17. und frühen 18. Jhds., in: Beiträge vom 50. Intern. Symposium Keramikforschung, Innsbruck, 2018, S. 593 f.)

Keramiker (Euler) werden namentlich auf der Landshube bereits 1589 erwähnt. Ein Euler namens Hanns aus Horn (Höhr) kauft zusammen mit dem Hofmann das Anwesen. Um 1650 liest man den Namen Bartholomäus Stebach „Eulalia von der Landshoffen“. Nach dessen Tod betreibt sein Sohn Hermann Stebach  das Handwerk auf der Landshube weiter. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Euler noch früher ihr Handwerk auf dem Gutshof ausüben. In einem abgelassenen Landshuber Weiher findet man die Scherben zweier handgewirkter, lehmglasierter Tongefäße aus dem 14./15. Jhd. mit „Linsenboden“ und „Wellenfuß“. (Mehr Informationen, hier klicken).

Interessant ist die Tatsache, dass auch die Wasserkrüge des 17. Jhd. einen Wellenfuß aufweisen. Nicht immer ganz sauber gefertigt, wie Brinkmann 2018 bemerkt, und er bezeichnet ihn eher als Knetfuß. Im 18. Jhd. verschwindet der Wellenfuß und die Krüge erhalten einen glatten, abgesetzten Fuß, der Gefäßkörper wird schlanker, der Hals weist nur noch eine Rippe mit schmalen koboltblauen Markierungen auf. Die Henkelform wechselt vom Bandhenkel zum Wulsthenkel. (Brinkmann, Bernd, Mineralwasserflaschen des 17. und frühen 18. Jhds., in: Beiträge vom 50. Intern. Symposium Keramikforschung, Innsbruck, 2018, S. 597).

1643 organisieren sich Keramiker  in einer Gesamtzunft (bitte klicken). Es entsteht die Zunftordnung der kurfürstlichen (katholisch) und wiedischen (protestantisch) Eulner.

1691 liefert bereits der Krugbäcker Peter Holler aus Baumbach ganz besondere Krüge an den „Dähler Born“ in Ehrenbreitstein. Es handelt sich hier um einen Heilwasserbrunnen im Tal (Dahl) am Fuße der Festung. Die Kellerei Ehrenbreitstein bezahlt Peter Holler  „vor 450 Saur Waßer Krügh mit Ihro Churf Gnaden wappen, so derselbe zur bottelung geliefert …“.  Dieses ist die früheste Nachricht von gemarkten Mineralwasserkrügen. (Brinkmann, Bernd, Mineralwasserflaschen des 17. und frühen 18. Jhds., in: Beiträge vom 50. Intern. Symposium Keramikforschung, Innsbruck, 2018, S. 605)

Nach Recherchen des Autors Detlef Groß wohnt Peter Holler (bitte klicken), Sohn von Johann Holler und jüngerer Bruder von Leonard zu dieser Zeit nicht wie o.a. in Baumbach, sondern auf dem Hofgut Landshube. Er betreibt hier auch nach dem Tod seines Vaters (um 1700) die Krugbäckerei. Sein Bruder Leonard Holler erhält die Aufsicht über Weiher, Wiesen und Jagd im Bereich der Landshube und erfüllt somit in dieser Zeit die Aufgaben eines Försters.

1715 beschwert sich der Baumbacher Krugbäcker und Schultheiß Johann Gerharz beim Kurfürst darüber, dass der Selterser Brunnenmeister die guten Krüge aus Baumbach zurückweist, um der von ihm billig eingekauften „untauglichen“ Ware den Vorzug zu geben. Dem Kurfürst ist das Ansehen seines Brunnens (seit 1681) sehr wichtig, und er befiehlt dem Brunnenmeister „supplicanten mit verkaufung seiner waßer Krüg nit ferner zu hintern“. (Brinkmann, Bernd, Mineralwasserflaschen des 17. und frühen 18. Jhds., in: Beiträge vom 50. Intern. Symposium Keramikforschung, Innsbruck, 2018, S. 595).

Aufgrund der hohen Nachfrage an Mineralwasserkrügen (Brunnen Niederselters: 1754 – 600.000 Krüge, 1765 – 900.000 Krüge, 1775 werden 1.354.000 Krüge für den Versand hergestellt)* , wächst auch die Anzahl der Krughersteller. So wird der Verwaltungsablauf zwischen der Brunnenverwaltung und den Krugbäckern immer schwieriger. Um beispielsweise die Rückverrechnung von Ausschussmengen, oder die Bearbeitung von Mängelrügen der Kunden besser zu organisieren, führt man das sogenannte Krugbäckerzeichen ein. Bereits 1758 sieht ein Vertrag die Kennzeichnung der Krüge mit einem Brunnenstempel und einem Herstellerzeichen vor. Der meist runde Stempeleindruck des Mineralbrunnens befindet sich üblicherweise auf der Gefäßschulter und besteht bei den für Niederselters bestimmten Krügen aus dem Kreuz des Erstifts Trier und den Buchstaben „CT“, oder der Umschrift „CHURTRIER“.

Das Herstellerzeichen beschränkt sich zunächst auf den Ortsbuchstaben.
(Michel Fritz, Die Geschichte des Selterser Heilbrunnen, Nassauische Analen 72, 1961, S. 81-125)

2022 entdeckt Harald Fuchs aus Ransbach-Baumbach in unmittelbarer Nähe der Landshube Krugfragmente früher Minereralwasserkrüge. Ich habe daraufhin die Fundstelle genauer untersucht und eine entsprechende Fotodokumention angefertigt. Aus meiner Sicht handelt sich dabei um zerstörte Ausschussware, die aus der kurfürstlichen Zeit um 1750 stammt.

Das Wappen-Kreuz des Kurfürstentums Trier mit CT und B für Baumbach.
Seit 1758 erscheint auch der Brunnenname (hier Selters).

Seit 1783 werden die Orstsinitialbuchstaben ergänzt um die „Krüg-Nro“ (StAW 115 Niederselters B Nr. 171a und c).

Interessant ist die Tatsache, dass in beiden Listen die Landshube als eigenständiger Ort erscheint. So haben die Krugbäcker der Landshube ihre eigenen Krugnummern, neben den anderen aus Baumbach (B) oder Ransbach (R). Ein graues, bauchiges Krugfragment mit dem Initialbuchstaben (L) für Landshube, findet man im Hintersten Bach südlich des Forsthauses Landshube.

Landshube mit eigenem Orts-Initial-Buchstaben "L"

(Nienhaus, Heinz, Zum Krugbäckerhandwerk im Westerwald. Vom schlichten Haushaltsgeschirr über kunstvolle Prunkgefäße zu den Brunnenkrügen, in KERAMOS, Heft 106, Düsseldorf,1984, S. 58-59)

In dem Tabellenausschnitt (bitte klicken) gibt Nienhaus (1984) Beispiele für die Entwicklung von Töpfermarken aus den bedeutendsten Krugbäckerorten des Westerwaldes. Die Marke „L“ für Landshube, mit der Krugnummer 15, bezieht sich auf das im Hintersten Bach gefundene Krugfragment.

1794  Landshube: Johann Klauer hat die Krugnummer 124

1803  Landshube: Johann Klauer hat die Krugnummern 124 und 2

1803  Landshube: Sohn Johann Heinrich Klauer hat die Krugnummer 201

Bernd Brinkmann schreibt 1982, dass für die Jahre 1794 und 1803 die Krugbäckerzeichen des Selterser Brunnens bekannt sind. Die Angaben für 1794 beruhen auf Auflistungen der Selterser Brunnenverwaltung, die des Jahres 1803 wurden von den Zunftmeistern angelegt. (Brinkmann, Bernd, 1982, Zur Datierung von Mineralwasserflaschen aus Steinzeug, in Keramos Heft 98, 1982)

Die negativen Folgen des verheerenden Dreißigjährigen Krieges sind gewaltig für die Überlebenden. Der Autor Heinrich Gerhartz schreibt im Jahr 1916: Um 1700 herum nehmen im Ransbacher Erbbuch die Geldaufnahmen auffallend zu: 1706 wird über „so geltarme Zeiten“  geklagt: 1716 verkauft die Gemeinde Ransbach Land und gibt das Geld dem Schultheiß Johannes Gerharts „wegen Kriegskösten. Auch aus der Nachbarschaft werden um diese Zeit viele Klagen laut. (Gerhartz, Heinrich in: Analen des historischen Vereins für den Niederrhein, Heft 99, Köln 1916, S. 67-68)

Daher ist die Aussage in einem Text ohne Quellenangabe nicht verwunderlich, dass um das Jahr 1700 der Ort Baumbach keinen eigenen Brennofen besitzen soll:

Der Chronist und Autor Dr. Franz Baaden macht sich eine Notiz zu diesem Artikel. Seine in Klammern geschriebene Bemerkung: „u. vorher“ lässt vermuten, dass er wohl schon auf andere Hinweise bzw. Quellen gestoßen ist, die diese Situation bestätigen könnten.

Vermutlich ist der Sonderstatus der Landshube als Domanial-Gutshof (Kurfürstliche Domäne) der Grund dafür, dass hier ein Brennofen noch funktioniert und betrieben wird.

Einige versuchen mit eigenen Ideen die schlimme Zeit zu überstehen, oft zum Ärgernis ihrer Kollegen. So schreibt Heinrich Gerhartz: Um den bey jetziger geltklämmiger Zeit beschwerlichen Unterhalt“ zu erleichtern, hat der Schultheiß von Ransbach seit dem Jahr 1701 auf einer ihm gehörigen Wiese Tabakspfeifenerde gegraben. Diese Erde kommt nach Frankfurt und wird von da weiterversandt. Dagegen wehren sich die zünftigen Töpfer. (Gerhartz, Heinrich in: Analen des historischen Vereins für den Niederrhein, Heft 99, Köln 1916, S.69)

Die Westerwälder Steinzeugindustrie benötigt erhebliche (Buchen-) Brennholzmengen für die Herstellung von Tonkrügen: der Brunnen von Niederselters hat 1764 einen Jahresbedarf von 1 Mio. Krügen. (Hachenberg, Friedrich, 2000 Jahre Waldwirtschaft am Mittelrhein, Landesmuseum Koblenz,1992, S. 60)

Trotzdem bleibt die Not unter den Töpfern zu dieser Zeit so groß, dass viele zum Bettler werden. Die Ransbacher Krugbäcker bitten deshalb im Jahr 1769  „durch höchst nothdringliche Vorstellung und fußfälligste bitte um Erlaubnis einen ofen Krüg für jeden backen zu dörfen“. (Gerhartz, Heinrich in: Analen des historischen Vereins für den Niederrhein, Heft 99, Köln 1916, S. 72)

1773 sind 37 Personen (bitte klicken) in Baumbach und auf der Landshube als Kannen- und Krugbäcker tätig.

29. Juli 1777  Johann Klauer, Revier Jäger auf der Landshube, erteilt Melchior Klauer das Meisterrecht in der Zunft der Krug- und Kannenbäcker.

Heinz Nienhaus schreibt 1986: So wurden kürzlich in Baumbach bzw. Arzbach schadhafte Krüge oder Krugfragmente gefunden, auf denen zwei bisher noch nicht bekannte relativ alte Brunnenmarken von Quellen aus Bad Ems entdeckt wurden. Die ältere der beiden Marken wurde von einem Krugfragment reproduziert, das an einem Bach in unmittelbarer Nähe des Forsthauses Landshube (Baumbach) gefunden wurde. In diesem Forsthaus produzierten nachweislich mindestens seit 1794 die Krugbäckerfamilien Klauer und später Letschert Mineralwasserkrüge. Die Umschrift der Brunnenmarke Nassau Using(en) Krenchen zu Ems gibt zu erkennen, daß dieses Krugfragment der Zeit zwischen etwa 1803 und 1815 zugeordnet werden darf. (Vgl. Nienhaus, Heinz, 1986: Funde alter „Brunnenkrüge“ als Zeugen der Geschichte, in: Der Mineralbrunnen 4/1986) 

Die Aussage, dass auch die Krugbäckerfamilie Letschert auf der Landshube Krüge hergestellt haben soll, halte ich für unwahrscheinlich. Heinz Nienhaus beruft sich auf eine Auskunft von Ernst Letschert aus Baumbach nach Urkunden aus dessen Besitz. Nach meinen Recherchen und Rücksprache mit den Nachkommen von Ernst Letschert hat es weder eine Ausübung der Krugherstellung noch eine Residenz der Familie Letschert auf der Landshube gegeben.

Ab dem 18.12.1802 ist der neue Eigentümer des Brunnens Nassau-Weilburg mit den InitialienNW“ , ab 1806 folgt das Herzogtum Nassau mit HN“ und seit 1866 die „Königlich Preussische Brunnenverwaltung“.

seit 1806 Herzogthum Nassau
seit 1866 Königlich Preußisch
"B" für Baumbach, Krugnummer 37

Eine wichtige Rolle bezüglich der Herstellung und des Vertriebs von Mineralwasser-Krügen auf der Landshube in der Zeit zwischen 1811 und 1858 spielen Barabara Klauer (bitte klicken), Wittwe von Johann Heinrich Klauer und deren Sohn Philipp. Sie sind die letzten Familienmitglieder der langenjährigen „Klauer-Dynastie“, die auf der Landshube wohnen und Ende 1857 nach Baumbach ziehen.